30. Mailing: Juni 2012

08.07.2012

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde der Bielefelder Nahost- Initiative e. V.

das wichtigste Ereignis der vergangenen Wochen war sicherlich die Bürgerreise nach Palästina und Israel vom 16. – 26. April. Die Reise war in zweierlei Hinsicht ein voller Erfolg:

  • Für die Ziele unserer Initiative mit der Vertiefung der Freundschaft und mit sehr konkreten Absprachen.
  • Für alle Reiseteilnehmer ein vertiefender Einblick in die politische Situation des Nahost-Konflikts durch hochrangige Gesprächspartner sowie der Besuch markanter Stätten im Heiligen Land.

 

Einige Höhepunkte:

Sowohl die deutsche Botschaft für Israel, vertreten durch den stellv. Botschafter  Herr Rüpel, als auch die deutsche „Botschaft“ für Palästina, vertreten durch den „Botschafter“ Herr Lingenthal, haben unser Vorhaben, eine Städtepartnerschaft im Westjordanland zu begründen, sehr begrüßt und ihre Unterstützung zugesagt.

Das Gespräch mit dem Bürgermeister von Naharija, Herrn Sabaq, dauerte nach allen Erfahrungen, die Delegationen aus Bielefeld bisher gemacht haben, ungewöhnlich lang. Er zeigte erwartungsgemäß keine Begeisterung für unser Vorhaben, äußerte aber auch keine Ablehnung. Eine solche abwartende Haltung ist nach allem schon als Erfolg zu werten.

Das Treffen mit dem Begründer der Städtepartnerschaft Bielefeld – Naharija, Herrn Meyer, war bewegend. Er begrüßte ausdrücklich unsere Idee als Dialog zum Ausgleich. Er sah darin keine Belastung für die Partnerschaft mit Naharija.

Der Besuch im Gemeindeverbund Zababdeh, Qabatia, Raba (ZQR) war insgesamt ein großer Erfolg, dank der Herzlichkeit, der Gast­freundschaft und  der intensiven Vorbereitung auf allen Seiten. Die „Gemeinsame Absichtserklärung“, unterzeichnet in einem feierlichen Akt vom Gouverneur des Bezirks und den drei Bürgermeistern des Gemeindeverbundes sowie vom Vorstand der BNI, wurde allgemein als ein wichtiger Schritt vorwärts empfunden. Ebenso der jetzt unterschriebene Kooperationsvertrag zwischen der Fachhoch­schule Bielefeld und der dortigen Universität. Die Partnerschaft hat sich dadurch deutlich gefestigt. Inzwischen beschränkt sich der Dialog nicht mehr nur auf die jeweiligen Repräsentanten. Unsere Delegation war von zahlreichen Bürgern privat eingeladen. Es gab dazu so viele Einladungen, dass wir alle gar nicht wahrnehmen konnten bzw. der eine oder andere von uns gleich mehrere wahrnehmen musste. Ebenso als Geste großer Gastfreundschaft zu werten war die Einladung zu einem Essen, zu dem alle Ratsmitglieder von Qabatia uns persönlich bekocht hatten. Und der Besuch in der Schule machte deutlich, wie groß das Interesse der Schüler und Lehrer an einem unmittelbaren Austausch ist.

In einem abschließenden Gespräch mit den 3 Bürgermeistern und Herrn Shaheen sowie mit den Herren Hellmann und Dr. Kramer für die BNI und Herrn Selonke in Vertretung der Stadt Bielefeld wurden fünf Projekte konkret besprochen und vereinbart, eingeschränkt durch unseren Hinweis, dass die BNI keine unbegrenzten Mittel habe.

Diese sind:

  1. Das Bemühen, mit Unterstützung der Bundesregierung (generelle Zusage von Minister Niebel) dort ein Handwerksausbildungszentrum einzurichten.
  2. Den Austausch von Schülern und Lehrern zu vertiefen. Die BNI hat dazu eine Einladung für 4-6 Personen ausgesprochen.
  3. Verwaltungsmitarbeitern des Gemeindeverbundes Kenntnisse in der Stadtverwaltung Bielefeld zu ermöglichen. Die BNI hat dazu in Absprache mit Herrn Selonke eine Einladung für 4-5 Personen ausgesprochen.
  4. Den Austausch von Studenten und Professoren zwischen den Hochschulen zu unterstützen. Hier liegt die Initiative bei der FH Bielefeld.
  5. Für den Ausbau regenerativer Energien in Bielefeld Ansprechpartner zu gewinnen (z.B. FH, Stadtwerke, Fa. Schüco ).


Weitere Höhepunkte waren sicherlich die Gespräche mit Pfarrer Wohlrab und mit dem Patriarchen der lateinisch-christlichen Kirchen im Heiligen Land, Fuad Twal, in denen vor allem die Situation der Christen dargestellt wurde. Sowie mit Mitri Raheb, dessen Engagement, „Projekte der Hoffnung“ aufzubauen, ja weltweite Anerkennung gefunden hat.

Bedrückend die Erfahrung, die wir mit der israelischen Siedlungspolitik machen mussten. Bei dem Besuch in Talitha Kumi wurde uns fast nebenbei erklärt, dass wenige Tage zuvor das gegenüber liegende, den Palästinensern gehörende Gelände gerade enteignet und Häuser platt gemacht worden seien. Und bei unserem Besuch des „Tents of Nations“, dem die BNI 100 Olivenbäume gespendet hatte, wurde deutlich, wie hilflos und verzweifelt es sein kann, sich trotz aller Rechtsansprüche dieser Siedlungspolitik widersetzen zu können.

Soweit ein kurzer Abriss zur Bürgerreise.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr erreichte uns die traurige Nachricht, dass der unserer Initiative sehr wohl gesonnene und dort sehr einflussreiche Gouverneur Mousa an einem Herzinfarkt gestorben ist. Zum Hintergrund: Sein Haus war nachts angegriffen worden, wohl von Kriminellen, die sich wegen der Verhaftung von Komplizen rächen wollten. Der Gouverneur hatte in seiner Eigenschaft als Polizeichef kurz zuvor mehrere Verhaftungen vorgenommen. Bei der Verfolgung der Angreifer, an der der Gouverneur selbst teilnahm, brach er dann zusammen. Wir haben einen wirklichen Freund verloren.

Für das Projekt, ein Handwerkerausbildungszentrum dort einzurichten, ist ein weiterer wichtiger Schritt getan worden. Ende Mai sind das Vorstandsmitglied Axel Rasch und Herr Menne vom Bielefelder Handwerkerausbildungszentrum nach Palästina gereist. Ziel war es, die politischen Rahmenbedingungen sowie den Bedarf für die Region zu erkunden, um damit den Antrag für das Bundesministerium konkretisieren zu können. Dafür sind dort in Ramallah zahlreiche Gespräche geführt worden; so mit dem Arbeits- und Bildungsministerium, mit Vertretern der deutschen „Botschaft“ und mit der GIZ. Alles unter Einbeziehung unserer Freunde aus dem Gemeindeverbund.

Zur Städtepartnerschaft haben die politischen Gremien der Stadt Bielefeld nach wie vor keine Entscheidung getroffen. Nach dem Scheitern des AK Palästina der Partnerschaftskommission sollte auf Anregung des Oberbürgermeisters ein Unterausschuss des Hauptausschusses diese Frage klären. Dieser Unterausschuss hat inzwischen auch einmal getagt; sich aber über die Frage, wie mit weiteren Städtepartnerschaften umzugehen ist, nicht verständigen können. Er hat sich auf eine Sitzung nach der Sommerpause vertagt.

In der öffentlichen Mitgliederversammlung am 7.März gab es den Bericht des Vorstandes durch den bisherigen Vorsitzenden Alfred Hellmann, der sein Amt absprachegemäß an Dr. Johannes Kramer übergab. Der neue Vorsitzende dankte ihm für das große Engagement in den vergangenen 2 ½ Jahren. Der Schatzmeister, Hans Georg Vogt, gab den Jahresabschluss bekannt und konnte über eine solide Finanzausstattung berichten, die für die geplanten Aktivitäten aber auch benötigt wird. Nach einer Aussprache über die Planungen des Vereins wurde dem Vorstand einstimmig, bei Enthaltung der Betroffenen, Entlastung ausgesprochen. Bekannt gegeben wurde, dass Präses Buß aus dem Kuratorium ausgeschieden ist und Gerd Duncker aus dem Vorstand in das Kuratorium wechselt. Beiden wurde für die bisherige Arbeit der Dank des Vereins ausgesprochen. In den Vorstand neu gewählt wurde Axel Rasch.

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung fand die öffentliche Veranstaltung mit Pfarrer Wohlrab aus Jerusalem statt. Den zahlreichen Zuhörern wurde mit eindrucksvollen Beispielen insbesondere die Lage der Christen im Heiligen Land geschildert. Das 17. Bielefelder Nahost-Forum fand am 29.Juni mit Elmar Brok statt. Herr Brok, Mitglied des Europäischen Parlaments und dort u.a, Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten, referierte zum Thema: „Die Versöhnung im Nahen Osten und die Bedeutung der Städtepartnerschaften“. Er ging auf die Rolle der EU in dem Nahost-Konflikt ein, sprach sich für die 2-Staaten- Lösung aus und betonte, welchen Wert Städtepartnerschaften zur Überwindung des Hasses zwischen den Völkern hätten. Für Initiativen solcher Städtepartnerschaften hat die EU auch entsprechende Fördergelder bereit gestellt.

Bielefelder Nahost-Initiative e. V.

Johannes Kramer, Peter M. Lauven

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